Ingar Krauss

Rüben
Wodurch wird die Zuckerrübe zum Kunstwerk?

Einige der rudimentären Wurzeln wirken wie eine unförmige Hand mit gespreizten Fingern, andere erinnern an die Aorta, an die Arterien und Venen eines menschlichen Herzens. Die Assoziationen sind vielfältig, von Baumwurzeln bis zu unbekannten Lebewesen. Ihre changierende Gestalt hat mitunter sogar etwas Unheimliches.

Dieser Empfindungsraum verdankt sich jedoch nicht der «realen» Rübe, sondern ihrer Transformation in ein Kunstwerk, in ein fotografisches Abbild, das nicht biologischen Lehrzwecken dient, sondern auf ein Geistiges abzielt, in dem die Beta vulgaris gleichsam maskiert die Bühne betritt.

Die Frage, warum und vor allem wodurch die Fotografie einer Zuckerrübe zum Kunstwerk wird, ist nicht leicht zu beantworten. Gedankliche Assoziationen des kritischen Betrachters reichen nicht aus. Die heute so beliebte Erzählung flüchtet vor dem stummen Bild in die Literarisierung, ohne das Wesentliche in den Blick zu bekommen. Daraus ergibt sich ein Widerspruch: die Frage ist mithilfe der Sprache nicht ausreichend zu beantworten.

Eugen Blume

Porträts
Avantgarde des Anachronismus’

Ingar Krauss ist ein Verfechter der fotografischen Wahrheit, Mit der Konzentration auf Wesenhaftes gelingt ihm, Menschenbilder mit hoher psychologischer Wirkungskraft zu schaffen. Auf der Suche nach den Zeichen von sozialer Zugehörigkeit und Individualität dringt er so sowohl in verschiedene Milieus wie in psychische Bereiche vor und vermittelt berührende Einsichten in das Leben Anderer.

So spiegeln sich bereits in den Gesichtern von Kindern und Jugendlichen aus früheren Arbeiten die ganze Skala von Hoffnung, Erwartung, Sehnsucht bis hin zur Trauer. In seinen Porträts stellt der Fotograf zugleich eine seltene Intimität her, die sich in einer ebenso alltäglichen wie von Geheimnis durchdrungenen Atmosphäre entwickelt und auf die besondere Magie zwischenmenschlicher Begegnungen verweist.

Eindringlich ist ihm das in der Serie «Zugvögel» mit den Bildern von osteuropäischen Erntehelfern auf Brandenburgs Spargelfeldern gelungen. Der Stille und Intensität seines Blicks antworten seine jeweiligen Gegenüber hier mit einer besonderen Gegenwärtigkeit.

Anders als in den Jagdbildern der Serie «Natur Morte», die von ihm in einer Mischung aus Banalität des Tötens und surrealistischer Verfremdung zu fotografischen Sinnbildern einer anarchischen Naturerfahrung gestaltet wurden, gibt es bei den Wanderarbeitern kaum narrative Elemente, ist seine Sicht auf deren Wirklichkeit ganz auf psychologische Vertiefung und die Qualität des fotografischen Ausdrucks gerichtet, entsteht durch die umweglose Art der Bildfindung eine suggestive Nähe.

Als Entdeckungsreisender auf den Spuren einer Conditio Humana ist er seinen Protagonisten bis in die polnischen und rumänischen Heimatorte gefolgt, um dort ihr eigentliches Leben im Windschatten des Zeitgeists zu erkunden.

Ingar Krauss, dessen Schaffen in seiner geistigen und künstlerischen Eigenart letztlich keiner Stilrichtung der jüngeren Fotografiegeschichte zuzuordnen ist, setzt sich von modischen Erscheinungen rigoros ab, mehr noch: Er steht für eine Avantgarde des Anachronismus.

Herbert Schirmer

Stillleben
Warum kann ein Stillleben Gänsehaut verursachen?

Da liegt eine Sellerieknolle, ihr Blattwerk wie ein Haarschopf nach hinten geworfen; ein grober Faden bündelt einige Gurken zu einer Gruppe; sieben Pilze posieren wie für ein Gruppenporträt. Die Hintergründe sind neutral, im Vordergrund etwas Erde, die Beleuchtung setzt das Gemüse genau in Szene. Was können heute Stillleben noch leisten? Was können uns Pflanzen noch sagen, die in der Erde gewachsen sind?

Ingar Krauss’ Inszenierungen von Gewächsen, oszillierend zwischen Heiterkeit und Vergänglichkeit, inserieren andere Symbolik als jene der niederländischen Stillebenmalerei des 17. Jahrhunderts. Pilze etwa kommen in den klassischen Stillleben eher selten vor – wohl auch, weil sie weder für religiöse noch moralische Themen so recht brauchbar erscheinen. Wenn – und wie- Krauss sie fotografiert, werden sie dennoch symbolisch aufgeladen.

Sie erscheinen auch nicht für den Verzehr zugerichtet, sondern eher als stille, aufrechtstehende Gruppe, die bei aller Vergänglichkeit unablässig weiter wächst, weniger Vanitas-Stillleben als vielmehr das Bild von etwas, das nicht weniger wird und nicht aufhört.

Der Lauch – in anderen Stillleben ebenfalls selten – wird ähnlich gruppiert, aber wo die gedrungenen Pilze Stabilität durch Erdverwachsenheit suggerieren, sehen die Lauchstangen nackt und bloss aus und so instabil, dass sie durch eine Schnur gestützt werden müssen, um aufrecht zu stehen.

Die Tiefe, Farbigkeit und Konsequenz der Komposition reflektiert nicht nur die erste Dekade der Fotografie im 19. Jahrhundert, als die Belichtungszeiten noch so lange waren, dass man lieber Gegenstände als Menschen fotografierte, die sich nicht bewegen konnten. Sie transportiert auch eine Heiterkeit mit Gegenständen zu spielen uns sie so ans Licht (als einziges dramaturgisch durchgängiges Element) zu setzen, dass sie in den Bildern weiterleben. Die Fotografien von Ingar Krauss sind damit weniger Vanitas- Stillleben, die allein den Tod oder das Vergängliche reflektieren, als genau das Gegenteil.

Felix Hoffmann

Haufen
Spuren menschlicher Ordnung

Spuren menschlicher Ordnung in der Natur, die Ingar Krauss an den brandenburgischen Kleingärten so interessierten, begegneten ihm in anderer Form auch im Schwarzwald. Dort entstanden Bilder von Holzstössen und Holzhaufen, denen er frühere, thematisch ähnliche Aufnahmen aus Brandenburg sowie aus Norwegen zugesellt.

Innerhalb der Ordnungsprinzipien lassen sich drei Kategorien ausmachen: zu Mieten aufgestapelte Holzscheite mit oder ohne offen liegender Opferschicht; an Bäumen angelehnte, nach Stärken sortierte Stangen; aufgeschichtete Haufen aus Reisig und Schnittabfall, auch Knack genannt. Die Bildstrategien sind die nämlichen: zentraler Horizont, Spannungsraster zwischen Dynamik und Statik, skulpturale Konstruktion bei räumlicher Verankerung in der Bildtiefe.

Hier aber sind die von Menschen geschaffenen Formen noch abstrakter, weil sie sich organisch einfügen in die Strukturen ihrer natürlichen Umgebung. Einige Aufnahmen lassen an Werke von Vertretern der Land Art wie Andy Goldsworthy denken, der seine in der Landschaft gestellten Holzskulpturen von Fortschreibung von Naturgesetzten versteht.

Mehr noch aber ist man erinnert an die Arbeiten des französischen Bildhauers und Fotografen Francois Méchain aus den 1980er und 1990er Jahren, die die vor Ort gesammelten Naturmaterialien als «ephemere Skulpturen» in die Natur einbaut uns so in Schwarzweiss fotografiert, dass sie, wie er es nennt zu «fiktiven Objekten» werden.

Ingar Krauss ist nicht nur Gärtner, er weiss auch, wie man einen Ofen heizt. Und wie man das Holz dafür aus dem Wald holt. Die emotionale Zuwendung zum Thema, ist bei ihm definitiv gegeben. Wie gut, dass sich Intuition, visuelles Abstraktionsvermögen, Beherrschung von Kompositionsstrategien, Verständnis von Bildwirkung und technische Kennerschaft hinzugesellen. Anders wäre die strenge Poesie seiner Bilder und ihre unmittelbare Wirkung nicht zu erklären.

Christiane Stahl